Geschichte Sankt Petersburg

Obwohl im Vergleich zu vielen anderen Weltstädten noch jung an Jahren, hat Sankt Petersburg mitsamt seinen Bürgern bereits viel durchlebt, gemeistert und erlitten. So wandelte die Millionenstadt an der Newa gerade in den zurückliegenden 100 Jahren des Öfteren auf einem schmalen Grat zwischen Opulenz und Verarmung, Krieg und Frieden oder Weltruhm und Bedeutungslosigkeit – zweifelsfrei eine Stadt, in der auch die Extreme einen festen Platz haben.

 

Petersburg
Die Wiege der Metropole: Peter-und-Pauls-Festung samt Kathedrale.

Passend dazu erhob Peter der Große Sankt Petersburg keine zehn Jahre nach Baubeginn zur Hauptstadt des russischen Reiches (1712). Sein Plan lag auf der Hand: Pieter, so der heutige Kosename der Metropole, sollte aufgrund seiner günstigen geopolitischen Lage das russische „Fenster zum Westen“ werden, wie es der berühmte Poet und Schriftsteller Alexander Puschkin Jahre später ausdrückte.

Entsprechend schwungvoll verliefen die ersten Jahrzehnte nach der abrupten Gründung, in denen sich im russischen Reich auf Geheiß der zaristischen Obrigkeit scheinbar alles auf das privilegierte Sankt Petersburg konzentrierte.

Erst kam das Bernsteinzimmer (1716), dann die Akademie der Wissenschaften (1724), dann die Akademie der schönen Künste (1757) und schließlich – um nur einige zu nennen – das prächtige Winterpalais (1764), heute weltberühmt als Teil eines riesigen Museums-Komplexes mit Namen „Eremitage“.

Petersburg
Die Bauarbeiten an der Isaaks- Kathedrale um 1825 malerisch festgehalten.

Ein weiterer Meilenstein in der Stadtentwicklung war die 1837 zwischen Sankt Petersburg und dem rund 30 Kilometer südwestlich gelegenen Zarskoje Selo erbaute Eisenbahnstrecke. Es war die erste ihrer Art in ganz Russland und sprichwörtlich das Startsignal, nun endlich auf den dampfenden Zug der von Westen her kommenden Industrialisierung aufzuspringen.

In gewohnt schnellem Tempo schaffte es die Stadt auch hier, den Ton anzugeben und wurde zum Industriezentrum des russischen Reiches. Über den Schiffbau und die Textilindustrie bis hin zur Waffentechnologie etablierten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts gleich mehrere zukunftsträchtige Wirtschaftszweige in der Stadt.

Straßenszene auf dem Nevsky Prospekt um 1900.

Im Zuge des enormen Wirtschaftsaufschwungs wuchs auf allen Hierarchieebenen natürlich auch der Bedarf an Fach- und Arbeitskräften, was Sankt Petersburg bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein enormes Bevölkerungswachstum bescherte. Weit über eine Million Menschen lebten nun bereits rund um das Newadelta; rund 20 Prozent davon ausländische Immigranten.

Im Rausch des stetigen Aufschwungs deutete nicht viel darauf hin, dass sich das Schicksal Sankt Petersburgs auch einmal zum Schlechten wenden könnte. Zwar hatten sich im Jahr 1825 erstmals die so genannten Dekabristen – revolutionäre Adlige – zum Aufstand gegen die zaristische Autokratie erhoben. Jedoch scheiterte die Revolte ebenso wie die bürgerlich-demokratische Revolution des Jahres 1905.

22. Januar 1905: Gewaltsame Niederschlagung des Aufstands am Petersburger Blutsonntag.

Anders die Situation dagegen Ende 1917: Arg gebeutelt durch den 1. Weltkrieg, markierte die Oktoberrevolution um Lenins Bolschewiken den Untergang des Zarenreiches, womit auch für Sankt Petersburg die Zeit der Blüte abrupt endete.

Moskau wurde nun wieder zum politischen Zentrum des Reiches erhoben, woraufhin sich Sankt Petersburg am Rand eines durch Tod und Zerstörung ausgezehrten Europas auf einmal im provinziellen Niemandsland befand. Neben Macht und Einfluss verließen nun auch die Bürger scharenweise die jäh vom Thron gestoßene Stadt. Fast ein Drittel kehrte ihr derzeit den Rücken.

Dass die Leiden damit für die 1924 in Leningrad umbenannte Metropole noch längst nicht den Tiefstpunkt erreichet haben sollten, offenbarte sich jedoch erst im Verlauf des 2. Weltkriegs, als sie von deutschen Truppen eingeschlossen und rücksichtslos belagert wurde.

Petersburg Krieg
Unfassbares Leid während der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht im 2. Weltkrieg.

Ab dem 8. September 1941 ging es für die Bevölkerung rund zweieinhalb Jahre ums nackte Überleben. Zwar fiel Sankt Petersburg dank des zähen Willens seiner Verteidiger nie in deutsche Hände, doch waren rund zwei Millionen Menschen, die der Belagerung durch Bomben, Krankheit und Hunger zum Opfer fielen, der höchste denkbare Preis des erbitterten Widerstandes.

Dank seiner wunderschönen baulichen Grundsubstanz schaffte es Leningrad nach dem Ende des 2. Weltkrieges jedoch auf Anhieb, auch international wieder Fuß zu fassen. Schnell entwickelte man sich zum größten Touristenmagneten des gesamten Ostblocks. Man war wieder etwas – auch und gerade über den Zusammenbruch der Sowjetunion hinaus.

So wird die Stadt mit ihrem wunderschönen Zentrum seit 1990 in den erlesenen Listen der UNESCO als Weltkulturerbe geführt und erlebte 1991 nach dem Willen der Bürger ihre hoffentlich letzte Umbenennung. Unter dem klangvollen wie ehrwürdigen Namen Sankt Petersburg feierte man im Mai 2003 gemeinsam den 300. Geburtstag einer Metropole, die – um es mit einer alten Metapher auszudrücken – schon zu Lebzeiten als Legende bezeichnet werden darf.


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